Der Hochsommer ist da, die Temperaturen klettern nach oben – und für uns Läufer beginnt wieder die Zeit, in der jeder Kilometer doppelt so schwer fällt. Höchste Zeit also, über eine ganz besondere Verbindung zu sprechen: 2-Isopropyl-5-methylcyclohexanol. Klingt extrem chemisch, ist dir aber garantiert als Menthol bekannt.

Du kennst Menthol sicher aus Pfefferminztee, Kaugummis oder Pastillen. Aber Menthol verleiht Produkten nicht nur einen frischen Geschmack. Es hat eine faszinierende Eigenschaft: Es stimuliert die kälteempfindlichen TRPM8-Rezeptoren in deinen Schleimhäuten. Das Ergebnis? Ein sofortiges, tiefes Kühlgefühl im Mund- und Rachenraum – ohne dass deine tatsächliche Körperkerntemperatur sinkt.

Doch kann uns dieser mentale Frischekick wirklich helfen, bei sengender Hitze schneller zu laufen oder länger durchzuhalten? Die Wissenschaft sagt klar: Ja!

Die Theorie: Wie Menthol dein Gehirn austrickst

Wenn du bei 30 °C über den Asphalt läufst, kämpft dein Körper nicht nur mit der Belastung, sondern vor allem mit Hitzestress. Das Gehirn registriert die steigende Wärme, schlägt Alarm und sendet Signale aus, die dich bremsen: Du fühlst dich schlapp, die Anstrengung wirkt gigantisch und du wirst automatisch langsamer.

Hier kommt Menthol ins Spiel. Wenn du deinen Mund mit einer Menthol-Lösung spülst, sendet es ein starkes „Kühl-Signal“ direkt an dein Gehirn. Dein Kopf wird gewissermaßen getäuscht: Er nimmt die Hitze als weniger schlimm wahr. Da dein Gehirn die zentrale Steuerung für deine Muskeln ist, fällt die Bremse im Kopf weg – und du kannst deine gewohnte Leistung abrufen, obwohl es draußen kocht.

Was die Forschung bisher zeigt

In den letzten Jahren haben Sportwissenschaftler intensiv untersucht, wie Menthol die Ausdauer beeinflusst. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache:

  • Mundspülung schlägt Eisbrei: In einer bekannten Studie liefen Sportler ein 5-km-Zeitfahren bei 33 °C. Die Gruppe, die eine Menthol-Mundspülung nutzte, war mit durchschnittlich 25,3 Minuten deutlich schneller als die Gruppe, die vorab Eisbrei gegessen hatte (26,3 Min.) oder die Kontrollgruppe ohne Kühlung (26,0 Min.). Und das, obwohl der Eisbrei die Körperkerntemperatur tatsächlich senkte, das Menthol hingegen nur die Wahrnehmung veränderte!
  • Weniger Unbehagen, längere Ausdauer: Andere Studien an Radfahrern und Läufern zeigten, dass Mentholsprays oder -spülungen das Anstrengungsempfinden drastisch senken und die Zeit bis zur Erschöpfung signifikant verlängern.
  • Die optimale Dosis: Aktuelle Meta-Analysen zeigen, dass Menthol unter allen Hitze-Strategien das größte Potenzial bietet, um Hitzestress zu reduzieren. Eine ideale Menthol-Konzentration liegt dabei zwischen 0,01 % und 0,10 % – das reicht völlig aus, um Leistungssteigerungen von rund 6 % zu erzielen.

Was passiert im Körper? Die neuesten Erkenntnisse

Eine neue Studie hat genau untersucht, warum Menthol so gut funktioniert. Radfahrer absolvierten dazu ein hochintensives, intervallartiges Belastungsprotokoll bei über 31 °C – einmal mit Menthol-Mundspülung (0,01 %) alle sechs Minuten und einmal mit einem geschmacklich angepassten Placebo.

Die Daten brachten zwei erstaunliche Dinge ans Licht:

  • Höhere Leistung bei gleichem Gefühl: Mit der Menthol-Spülung konnten die Athleten in den entscheidenden Phasen und Sprints deutlich mehr Watt leisten. Das Erstaunliche: Trotz der höheren körperlichen Arbeit fühlten sich die Sportler nicht erschöpfter als in der Placebo-Runde. Die zusätzliche Anstrengung wurde mental komplett entkoppelt!

*Oben links: Die mittlere Leistung war in der Mentholgruppe während Runde 3 im Vergleich zur Placebogruppe signifikant höher. Oben rechts: Die Leistung während der 6-sekündigen Beschleunigung war in der Mentholgruppe während der Runden 3 und 4 signifikant höher. Unten: Die maximale Leistung während der 10-sekündigen Belastung war in der Mentholgruppe während Runde 3 signifikant höher. Anmerkung: * kennzeichnet einen signifikanten Unterschied.

  • Höhere neuromuskuläre Effizienz: Messungen der Muskelaktivität zeigten, dass die Oberschenkelmuskeln (vor allem der Vastus lateralis) unter Menthol elektrisch weniger intensiv angesteuert werden mussten, um dieselbe oder sogar eine höhere Leistung zu erbringen. Das Gehirn rekrutiert die Muskeln durch das Frischesignal schlichtweg effizienter.

*Menthol reduzierte die elektrische Muskelaktivität des Vastus lateralis (vastus lateralis ist der kräftigste Muskelkopf des M. quadriceps femoris) in den Runden 3, 4 und 5 im Vergleich zu Placebo – obwohl die Leistungsparameter während dieser Runden mit Menthol besser waren!

Praxis-Tipps für deine Hitzeläufe

Du möchtest Menthol für deine sommerlichen Läufe oder den nächsten Wettkampf ausprobieren? So setzt du es richtig ein:

  1. Setze auf Mundspülungen oder spezielle Gele: Verwende eine Menthol-Mundspülung oder greife im Wettkampf zu mentholhaltigen Energiegels. Sie kombinieren den kühlenden Reiz direkt mit frischen Kohlenhydraten.
  2. Regelmäßig statt einmalig viel: Die Studien zeigen: Kleine, häufige Reize wirken am besten. Spüle deinen Mund bei langen Läufen oder im Wettkampf alle 5 bis 10 Minuten (oder an jeder Verpflegungsstation) für etwa 5 bis 10 Sekunden aus und spucke die Lösung danach aus (oder schlucke das Gel wie gewohnt herunter).
  3. Die richtige Mischung beachten: Wenn du dir selbst eine Spülung ansetzen willst (z. B. aus Mentholkristallen aus der Apotheke): Bleibe bei einer niedrigen Dosierung von ca. 0,01 % (das entspricht etwa 1 Gramm Mentholkristallen auf 1 Liter Wasser). Eine zu hoch dosierte Mischung brennt unangenehm im Mund und bewirkt das Gegenteil!
  4. Vertraue deinen Messgeräten: Wundere dich beim Training nicht: Menthol gibt dir kein magisches „Supermann-Gefühl“, bei dem sich der Lauf plötzlich mühelos anfühlt. Du wirst dich vermutlich genauso angestrengt fühlen wie sonst – aber deine Laufuhr wird dir verraten, dass du bei gleichem Empfinden deutlich schneller unterwegs bist. Überprüfe deine Zeiten und deine Pace, um den Effekt schwarz auf weiß zu sehen.

Fazit: Auch wenn Menthol deine reale Körperkerntemperatur nicht senken kann: Es nimmt dem Sommerlauf die mentale Spitze! Selbst wenn der Leistungssprung von Tag zu Tag schwanken mag – ein verbessertes Hitzegefühl und mehr Frische im Mund sind dir bei jedem Sommertraining garantiert!

Foto: KI-generiert

*Quelle und Verweise: sportsperformancebulletin.com

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