Vorweg, was war denn beim London-Marathon in diesem Jahr los!? 1:59:30 Stunden für einen Marathon und das satte 65 Sekunden schneller als der bisherige Weltrekordhalter Kelvin Kiptum aus dem Jahr 2023. Ja, Sabastian Sawe aus Kenia hat das schier unmögliche geschafft und auch Yomif Kejelcha gelang es in seinem Debüt die 2-Stunden-Marke zu knacken. Mit 1:59:41 Stunden sicherte sich ein weiterer Läufer die Anerkennung der gesamten Laufwelt und bewies, dass laufen mehr als nur ein Sport ist.
Doch warum hast du mit dem Laufen angefangen? Wahrscheinlich, weil es die unkomplizierteste Sportart der Welt ist. Schuhe an, Tür auf, los geht’s. Es macht dich fit, verbrennt ordentlich Kalorien und du kannst es überall machen. Das Brechen von persönlichen Grenzen oder das Knacken von Rekorden kann ein zusätzlicher Anreiz sein, die Schuhe zu schnüren.
Doch nach den ersten Wochen kommt oft das böse Erwachen: Das Knie zwickt, die Schienbeine brennen oder die Achillessehne schlägt Alarm. Willkommen im Club der Laufverletzungen. Aber warum trifft es ausgerechnet uns Anfänger so hart, während die „alten Hasen“ scheinbar stundenlang über den Asphalt schweben können?
Die nackten Zahlen (und warum sie dich nicht erschrecken sollten)
Laufen ist gesund, keine Frage. Aber für den Bewegungsapparat ist es Schwerstarbeit. Studien zeigen, dass etwa 50 % aller Freizeitläufer sich mindestens einmal pro Jahr verletzen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 legt sogar nahe, dass fast 70 % aller Läufer im Laufe ihres Lebens mit einer typischen Laufverletzung (LWI) zu tun haben werden.
Das Risiko ist komplex. Es hängt von deinem Körperbau ab, von alten Verletzungen und – ganz klassisch – von Fehlern im Training (zu viel, zu schnell, zu wenig Pause). Aber der wichtigste Faktor bist du selbst: Deine Erfahrung.
Das „Anfänger-Dilemma“: Dein Herz ist schneller als deine Sehnen
Warum verletzen sich Neulinge so viel häufiger? Die Antwort liegt in deiner Physiologie.
Dein Herz-Kreislauf-System ist ein echter Streber. Es passt sich super schnell an. Schon nach wenigen Wochen merkst du, dass du nicht mehr so stark außer Puste kommst. Dein Ego sagt: „Hey, ich kann locker 5 Kilometer mehr vertragen!“
Aber Vorsicht: Deine Knochen, Sehnen und Bänder sind eher vom Typ „gemütlich“. Während deine Kondition in Wochen springt, brauchen Sehnen viele Wochen und Knochen sogar Monate, um sich an die Stoßbelastung anzupassen. Deine Ausdauer eilt deiner Stabilität davon – und genau in diese Lücke fällt die Verletzung.
Die Wissenschaft des Laufens: Was Profis anders machen
Ein Forscherteam aus Shanghai hat Ende 2025 eine riesige Meta-Analyse veröffentlicht, die genau untersucht hat, wie sich der Laufstil von Anfängern und Profis unterscheidet. Die Ergebnisse von über 450 Läufern lassen sich in drei Kernpunkten zusammenfassen:
- Die Sache mit der Konstanz: Profis laufen wie ein Uhrwerk. Jeder Schritt sieht fast identisch aus. Bei uns Anfängern herrscht dagegen „räumlich-zeitliche Variabilität“. Das heißt: Dein Fuß landet jedes Mal ein bisschen anders. Das klingt nach Freiheit, ist aber Stress für den Körper. Er muss ständig korrigieren und ausgleichen, was deine Muskeln schneller ermüden lässt.
- Wackelpudding in der Hüfte: Ein entscheidender Unterschied ist die proximale Kontrolle. Bei Profis sind Becken und Hüfte stabil wie eine Festung. Bei Anfängern wackelt es oft im Gebälk. Wenn deine Hüfte instabil ist, müssen Knie und Sprunggelenke das ausbaden und viel größere Bewegungen machen, als sie eigentlich sollten.
- Die „Overstriding“-Falle: Erfahrene Läufer machen meist kürzere, schnellere Schritte (hohe Frequenz). Anfänger neigen dazu, zu große Schritte zu machen. Wenn du den Fuß zu weit vor deinem Körperschwerpunkt aufsetzt, wirkt er wie eine Bremse. Die Stoßwelle schießt ungefiltert durch dein Bein. Das ist der perfekte Nährboden für Schienbeinkantensyndrom und Läuferknie.
Dein Schlachtplan: So läufst du wie ein Profi
Du musst nicht Jahre warten, um dein Verletzungsrisiko zu senken. Effizientes Laufen ist eine Fähigkeit, die dein Nervensystem lernen kann. Hier sind deine Hausaufgaben:
- Stabilität ist King: Integriere 2–3 Mal pro Woche Rumpf- und Hüfttraining. Ein starker Core verhindert das „Wackeln“ im Becken.
- Arbeite an deiner Frequenz: Versuche, kleinere Schritte zu machen. Eine höhere Schrittzahl pro Minute (Kadenz) entlastet deine Gelenke massiv.
- Lauf-ABC: Übungen wie Kniehebelauf (High-Knees) oder Anfersen (Butt-Kicks) fühlen sich am Anfang albern an, sind aber das beste Gehirntraining für eine saubere Koordination.
- Gleichgewichtstraining: Stell dich beim Zähneputzen auf ein Bein oder nutze instabile Unterlagen. Das schult die tiefe Muskulatur.
- Cross-Training: Gib deinen Sehnen Pausen, indem du mal aufs Rad steigst oder Yoga machst.
Laufen ist mehr als nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es ist ein Handwerk. Wenn du nicht nur mehr, sondern besser läufst, wirst du den Spaß am Sport behalten, ohne dass dich dein Körper ausbremst.
Kurz gesagt: Effizientes Laufen ist zwar einfach und natürlich, aber eine Fähigkeit, die das Nervensystem erst erlernen muss. Erfahrene Läufer haben diese Fähigkeit über einen längeren Zeitraum erlernt und ihren Laufstil unbewusst optimiert. Anfänger hingegen beginnen ihre Laufkarriere ohne diese Fähigkeit, was zu einem weniger koordinierten Laufstil führt und sie anfälliger für häufige Probleme wie das Läuferknie oder Schienbeinkantensyndrom macht.
Bleib dran, aber bleib geduldig! Dein zukünftiges Ich (mit den gesunden Knien) wird es dir danken.
Foto: TCS London Marathon
*Quelle und Verweise:
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- Br J Sports Med. 2007;41(8):469-480
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Kommentare
weiterhin erwähnenswert wäre noch, dass Kiplimo der dritte, ebenfalls WR gelaufen wäre.